mirth.martin

 

* Startseite     * Über...     * Gästebuch     * Kontakt



* Themen
     Philosophie
     Leben
     Bildung
     Poesie
     Kunst
     Politik

* mehr
     Hochschulpolitik
     EU

* Links
     musizieren
     demonstrieren
     aktivieren
     bilden
     schreiben
     handeln






Jean-Paul Sartres Gesicht geh?rt wie das von Albert Einstein, Andy Warhol oder das von Marilyn Monroe zur Physiognomie des 20. Jahrhunderts. Wir kennen ihn als Philosophen der Existentialismus, als Gef?hrten von Simone de Beauvoir und als Besucher von Andreas Baader in Stammheim. Im Jahrhundert der Intellektuellen hat er nicht nur seinen Platz, sondern definiert eine Periode. Spricht dieser Denker der Freiheit aus der Erfahrung der Verstrickung nach wie vor zu uns?

So nah uns seine Erscheinung ist, so fern ist uns sein Denken. Sartre repr?sentiert eine Denkwelt aus einer fernen Zeit. Der magische Totalit?tsbegriff, als g?be es das Ganze unserer Epoche, der emphatische Autorbegriff, als besitze alles Geschriebene einen Sinn, der verzweifelte Freiheitsbegriff, als sei der Fluch der Freiheit die Quelle der menschlichen Gr??e, der pomp?se Begriff des Menschen, als sei der Mensch ein Absolutes ? das klingt heute alles befremdlich und geschichtlich. Sartre geh?rt nicht mehr zu unserer Gegenwart. Seine Stimme ist eine des Krieges, sein Denken stammt aus der Welt des europ?ischen Weltb?rgerkrieges, der 1989 beendet worden ist. Es ist eine Zeit vor unserer Zeit, aus der seine Idee des ?u?ersten, seine Vorstellung einer Direktheit des Lebens, sein Vertrauen auf eine urspr?ngliche Evidenz des Volkes verst?ndlich wird.

Sartre selbst hat sich entsprechend erkl?rt: Im und durch den Krieg entdeckt der urspr?nglich Ich-Einsame sein soziales Wesen und die politische Dimension seiner Verantwortung. In der Gefangenschaft im Stammlager von Trier bis zum M?rz 1941 erlebt er die Solidarit?t mit den Gefangenen und liest zum ersten Mal Heidegger. Hier sind die Wurzeln von Sartres Theorie des Engagements zu sehen.

Sartres Auffassung des Engagements hat bekanntlich zwei Seiten: Auf der einen Seite der mit marxistischen Kategorien operierende erbarmungslose soziale Kontextualismus. Der Intellektuelle ist in seiner Epoche situiert, schreibt er im Oktober 1945 anl?sslich der Vorstellung von ?Les Temps Modernes?, jedes seiner Worte findet darin einen Widerhall. Auch sein Schweigen. Auf der anderen Seite der r?cksichtslose existenzielle Voluntarismus, der das Bewusstsein der Situiertheit als Bedingung der M?glichkeit einer Wahrheit auffasst. Der Intellektuelle kann sich nicht davonstehlen, ihm bleibt gar nichts anderes ?brig, als sich seiner Epoche ganz zu verschreiben. Er lebt aus der absoluten Wahl, die ihn in seine Epoche wirft. Das Engagement verweist den Einzelnen aufs Ganze.

So sch?n erhebend sich das anh?rt, wir k?nnen es nicht mehr glauben. Wir glauben weder an das Ganze noch an den Menschen. Wir haben gelernt, dass das Ganze durch die Mechanismen der funktionalen Differenzierung verschieden ist, und haben begriffen, dass der Wille sich in seinen Umwegen ?ber das Unbewusste immer selbst verpasst. Wir sind kontaminiert durch ein Anderes, das uns immer versetzt, versp?tet und verteilt sein l?sst. Der Pr?sentismus, Holismus und Vitalismus von Sartres Modell des engagierten Intellektuellen geht an uns vorbei. Obwohl es, das m?ssen wir zugeben, immer wieder sehr wahre S?tze bei Sartre gibt ? wie den, dass der Autor sich merkw?rdigerweise oft eher f?r einen Studenten halte, der von einem Stipendium lebt, als f?r einen Arbeitenden, der f?r seine Leistung bezahlt wird.

Aber wer macht Sartre zum Anderen, wenn man behauptet, dass Sartre nicht mehr zu uns spricht? ?Wir? - das sind die Intellektuellen von heute, die durch die Schule der nachholenden Skepsis gegangen sind. Die am Beginn ihrer intellektuellen Sozialisation mehr und schneller Foucault, Deleuze und Derrida als Sartre gelesen haben, die in Deutschland Luhmann mehr als Habermas Glauben geschenkt haben. F?r die schon irgendwann in den achtziger Jahren der Faden gerissen war.

Wir werden zu einem ?Wir? aufgrund der stillen ?berzeugung, dass der auktoriale Autor eine Illusion, der evidente Sinn eine ?berzogene Hypothese und das sich selbst gewisse Ich ein tr?gerisches Zeichen darstellt. Die Generation von Intellektuellen, die nach dieser eigent?mlichen Revolte der sechziger Jahre kam, hat das tragische Pathos von Gr??e und Scheitern durch die ironische Leichtigkeit ersetzt. Fasziniert vom symbiotischen Effekt der Macht, die jedes Dagegensein in eine Form des Dabeiseins verkehrt, schwor man der gro?en Geste der Gesellschaftsver?nderung ab und setzte auf eine Vielzahl kleiner Einsichten ins Getriebe der sozialen Systeme.

Wir misstrauen dem stellvertretenden Sprechen f?r die ?Unterdr?ckten und Beleidigten? wie der Resignation am gesellschaftlichen Ganzen. Wir haben erkannt, dass die andere Seite des Engagements eine kleinliche Melancholie der Selbstbewahrung ist. Der Intellektuelle kann allenfalls unter Berufung auf das, was er erforscht oder registriert hat, ein spezielles Wissen unter die Leute bringen, das die Dinge anders erscheinen l?sst und den Zw?ngen der Sache einen Spielraum des M?glichen er?ffnet. Engagement erscheint als narzisstisch, Kritik als dubios und Revolte als naiv.

Es ist mit H?nden zu greifen, dass diese Haltung sich der Abgrenzung von einem Stil des Alarmismus verdankt und insofern eine Position im intellektuellen Generationenkampf zum Ausdruck bringt. Gegen?ber der Gesellschaftskritik und ihrer Gegenw?rtigkeit wird eine Haltung der zur?ckhaltenden Analyse funktionaler ?quivalente und der formalen Bestimmung von Differenzen ins Spiel gebracht. Man stellte um von Herrschaftskritik auf Interpretationspolitik.

Aber auch dieser Bruch ist inzwischen Geschichte geworden. Wer interessiert sich noch f?r die Abgrenzungsman?ver einer postachtundsechziger Generation von Intellektuellen? Wo ist der eigene Punkt, so wird jetzt gefragt, im Blick auf eine Gesellschaft, die mit Umbr?chen ganz anderer Art zu tun hat? Was haben die geschmeidigen Intellektuellen zu den verh?rteten Verh?ltnissen unserer Jetztzeit zu sagen? Hier k?nnte Sartre zu uns sprechen. Was k?nnte heute ein Modell f?r Engagement sein? Welche Vorstellung des Sozialen ist zu verteidigen? Wof?r lohnt sich der Einsatz?

Es gibt S?tze bei Sartre, die den grundlegenden Mangel der gesteigerten Reflexivit?t, des ?berma?es an Ironie, der Unf?higkeit zum Antagonismus und der Bereitschaft, sich zu ergeben, bewusst machen. So hei?t es wiederum im Oktober 1945: ?Von unserer Zeit wollen wir nichts vers?umen: vielleicht gibt es sch?nere Zeiten, aber dies ist unsere Zeit." Was dieser Satz zum Ausdruck bringt, ist die M?glichkeit der Wegdenkbarkeit einer ganzen Generation von Intellektuellen aufgrund des Vers?umens der eigenen Epoche.

Nat?rlich gibt es nicht die Zeit der Gegenwart als homogene Ganzheit, nicht das Jetzt in der Klarheit seiner Herausforderungen, nicht die Gesellschaft mit ihren unmissverst?ndlichen Verteilungen zwischen oben und unten, drau?en und drinnen, hinten und vorn. Aber es gibt die Situation der Involviertheit, der man sich nicht durch die Beobachtung von Beobachtungen entziehen kann.

Wir k?nnen nicht wie Sartre absolut sein wollen, indem wir in unserer Epochen k?mpfen, weil wir sie leidenschaftlich lieben und bereit sind, ganz und gar mit ihr unterzugehen. Ein solcher Flirt mit dem ?u?ersten ist uns fremd, die damit implizierte Versuchung der Apokalypse erscheint uns reichlich verwegen. Aber wir haben die M?glichkeit, Definitionen zu wagen, Energien zu entbinden und Ausgangspunkte zu setzen.

Daf?r existiert bei Sartre ein leitender Begriff: Der Begriff der Verantwortung und der damit verbundene des Versprechens. F?r Sartre resultiert die Verantwortung aus einem Akt der ?berschreitung, die die geschlossene Front der Umst?nde, Ereignisse und Vorstellungen zu Fall bringt. Es ist ein Moment der Unwissenheit, der eine Haltung der Moral erm?glicht ? verstanden als eine Art des Tuns und eine Form des Lebens.

Diese moralische Verantwortung, k?nnte man mit einem Gegendenker von Sartre, mit Jacques Derrida sagen, beinhaltet ein Versprechen ohne Verhei?ung. Nicht das Versprechen eines finalen Zustandes von Geschichte und Gesellschaft, sondern eines, das wir uns selbst geben, an das wir uns selbst halten, das wir selbst sind. Erst dieses Versprechen macht uns zu einem ?Wir?, das sich nicht aus der Denunziation eines Anderen, sondern dem Einstehen f?r etwas Anderes ergibt. Das Versprechen zur Verantwortung h?lt sich nicht an das Kalendermodell der abgelaufenen Geschichte, sondern erm?glicht einen Intensit?tsbegriff von kommender Geschichtlichkeit.

F?r den Intellektuellen, der sich dem Anspruch eines verantwortlichen Versprechens unterstellt, werden die Dinge eigent?mlich ernst und erscheinen die Verh?ltnisse alles anderes als festgef?gt. Wer seine Zeit nicht vers?umen will, muss eine Behauptung wagen, sich verwundbar machen und mitspielen. Mit Sartre gesprochen: ?Wir k?nnen uns ohne Schwierigkeit vorstellen, dass ein Mensch, obwohl er von seiner Situation vollkommen bedingt ist, ein Zentrum irreduzibler Nichtdeterminiertheit sein kann.?

Der Autor lehrt Soziologie in Kassel.

SZ v. 21.06.2005
15.2.06 15:14
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung